Pronation beim Laufen: Überpronation, Supination und was wirklich zählt

Pronation ist das Einwärtsrollen des Fußes beim Abrollen – ein völlig normaler Vorgang, der den Aufprall dämpft. Kritisch wird der Begriff erst durch das, was die Laufschuhbranche jahrzehntelang daraus gemacht hat: eine Diagnose, aus der eine Kaufempfehlung folgt.

Dieser Artikel ordnet das ein. Er erklärt, was Pronation, Überpronation und Supination wirklich sind, wie du deine eigene Fußstellung einschätzt – und was die Studienlage zur Frage sagt, ob ein Stützschuh überhaupt etwas bringt. Die Antwort ist differenzierter, als beide Lager behaupten.

Pronation beim Laufen – kurz erklärt:

  • Pronation ist normal und notwendig. Sie verteilt den Aufprall über den Fuß.
  • Pronation ist kein Verletzungsrisiko. In einer Studie mit 927 Laufanfängern verletzten sich Pronierer sogar etwas seltener als Neutralfüßige.
  • Schuhe nach Fußgewölbe zuzuweisen funktioniert nicht. Drei große Militärstudien mit über 7.000 Rekruten fanden keinen Effekt auf die Verletzungsrate.
  • Aber: In einer randomisierten Studie senkten Stabilschuhe das Verletzungsrisiko – und zwar ausschließlich bei Läufern mit pronierendem Fuß.
  • Die Konsequenz: Deine Fußstellung ist kein Befund, den man behandeln muss. Ein Stabilschuh ist eine Option, kein Rezept.

Pronation, Überpronation, Supination: die Begriffe

Beim Abrollen dreht sich der Fuß leicht nach innen. Diese Bewegung heißt Pronation, und sie ist der wichtigste Dämpfungsmechanismus, den der Fuß hat: Sie verteilt die Aufprallkraft über Zeit und Fläche, statt sie punktuell auf Knochen und Gelenke wirken zu lassen. Ein Fuß, der nicht proniert, ist kein besserer Fuß.

Begriff Was passiert Woran erkennbar
Neutrale Pronation Der Fuß rollt moderat nach innen, Belastung verteilt sich gleichmäßig Sohlenabrieb außen an der Ferse und gleichmäßig im Vorfußbereich
Überpronation Das Einwärtsrollen fällt stärker aus, das Fußgewölbe senkt sich deutlicher Abrieb verstärkt an der Innenseite, Ferse kippt von hinten sichtbar nach innen
Supination (auch Unterpronation) Der Fuß rollt weniger ein oder nach außen, geringere Eigendämpfung Abrieb betont an der Außenkante über die ganze Sohle
Übersupination Ausgeprägte Auswärtsdrehung, Belastung konzentriert sich auf die Außenkante Stark einseitiger Außenabrieb, oft bei hohem Fußgewölbe

Wichtig ist die Größenordnung: Die allermeisten Füße liegen im mittleren Bereich. In der dänischen Untersuchung, auf die wir gleich noch genauer eingehen, wurden 1.854 Füße klassifiziert – 1.292 davon waren neutral, nur 18 stark pronierend und 53 stark supinierend. Die Extreme, um die sich die Beratungsgespräche drehen, sind selten.

Was die Forschung wirklich zeigt

Hier wird es interessant, weil die Studienlage weder die alte Beratungsregel stützt noch die populäre Gegenthese „Pronation ist ein Mythos“. Drei Arbeiten muss man kennen.

1. Pronation ist kein Verletzungsrisiko

Rasmus Nielsen und Kollegen begleiteten 927 Laufanfänger ein Jahr lang – 1.854 Füße, alle in neutralen Schuhen, die Laufleistung per GPS-Uhr erfasst. Zusammen kamen 326.803 Kilometer zusammen, 252 Teilnehmende verletzten sich.

Das Ergebnis widerspricht der Standardberatung deutlich: Nach 250 Kilometern gab es keinen signifikanten Unterschied im Verletzungsrisiko zwischen neutralen, supinierten und pronierten Füßen. Und mehr noch – bezogen auf 1.000 gelaufene Kilometer hatten Pronierer sogar eine signifikant niedrigere Verletzungsrate als Neutralfüßige.

Wer also mit der Sorge herumläuft, seine Fußstellung sei ein Defekt, den man kompensieren muss: Diese Sorge ist unbegründet.

2. Schuhe nach Fußgewölbe zuzuweisen bringt nichts

Die zweite Frage ist praktischer: Funktioniert die verbreitete Methode, vom Fußabdruck auf das Gewölbe und davon auf den passenden Schuhtyp zu schließen?

Joseph Knapik und Kollegen haben dazu drei randomisierte kontrollierte Studien aus der militärischen Grundausbildung zusammengefasst – US Army, Air Force und Marine Corps, zusammen über 7.200 Rekrutinnen und Rekruten. Die Experimentalgruppen bekamen Bewegungskontroll-, Stabil- oder Dämpfungsschuhe passend zu ihrem Fußabdruck, die Kontrollgruppen nicht.

Das Ergebnis der Meta-Analyse: praktisch kein Unterschied in der Verletzungsrate, weder bei Männern (Ratenverhältnis 0,97) noch bei Frauen (0,97). Auch beim Vergleich einzelner Schuhtypen zeigte sich nichts. Das Fazit der Autoren ist trocken: Die Schuhauswahl nach Fußgewölbe hatte kaum Einfluss auf das Verletzungsrisiko.

Das trifft direkt den nassen Fußabdruck – jenen Test, bei dem man mit feuchten Füßen auf Papier tritt und aus dem Abdruck sein Gewölbe ablesen soll. Genau dieses Verfahren wurde hier geprüft, und es sagt die Verletzungswahrscheinlichkeit nicht vorher.

3. Und trotzdem: Stabilschuhe können helfen

Jetzt kommt der Teil, den die Mythos-Erzählung gern auslässt. Laurent Malisoux und Kollegen führten eine randomisierte, doppelt verblindete Studie mit 372 Freizeitläuferinnen und -läufern über sechs Monate durch. Die eine Hälfte bekam die Bewegungskontroll-Version eines Schuhmodells, die andere die Standardversion – ohne zu wissen, welche.

Das Ergebnis: Das Verletzungsrisiko war in der Bewegungskontroll-Gruppe deutlich niedriger (Hazard Ratio 0,55). Und der Effekt trat ausschließlich in einer Untergruppe auf – bei den 94 Teilnehmenden mit pronierendem Fuß, dort mit einer Hazard Ratio von 0,34. Bei neutralen und supinierten Füßen zeigte sich kein Unterschied.

Das Gesamtbild: Pronation an sich ist kein Risikofaktor, und aus einem Fußabdruck lässt sich kein Schuh ableiten. Aber für Menschen, die tatsächlich pronieren, war ein Stabilschuh in einer sauber angelegten Studie von Vorteil. Beides zugleich stimmt – der Fehler der alten Beratung war nicht die Empfehlung, sondern die Selbstverständlichkeit, mit der sie ausgesprochen wurde.

Wie du deine Fußstellung einschätzt

Methode Was sie zeigt Wie verlässlich
Sohlenabrieb alter Laufschuhe Wo die Last tatsächlich landet – über viele Kilometer gemittelt Der brauchbarste Alltagshinweis, weil er die echte Bewegung abbildet
Blick von hinten, im Stand oder auf einem Video Ob die Ferse gerade steht oder nach innen kippt Grobe, aber ehrliche Orientierung
Nasser Fußabdruck Die Höhe des Fußgewölbes im Stand Sagt nichts über die Bewegung beim Laufen und laut Militärstudien nichts über das Verletzungsrisiko
Laufbandanalyse im Fachgeschäft Das dynamische Abrollverhalten, meist in wenigen Minuten Besser als der Abdruck, aber es ist eine Kaufberatung – kein Befund
Foot Posture Index beim Fachpersonal Standardisierte Einstufung über sechs Kriterien Die Methode aus den zitierten Studien, in der Praxis selten angeboten

Die praktische Reihenfolge: Schau dir zuerst deine alten Laufschuhe an. Der Abrieb ist kostenlos, basiert auf hunderten Kilometern echter Bewegung und verrät mehr als jeder Test im Stand.

Wann Pronation tatsächlich relevant wird

Die Fußstellung ist kein Behandlungsanlass. Beschwerden sind es. Diese Unterscheidung ist die wichtigste im ganzen Thema.

Situation Was sinnvoll ist
Du läufst beschwerdefrei, hast aber „Überpronation“ attestiert bekommen Nichts ändern. Keine Studie legt nahe, dass hier Handlungsbedarf besteht.
Du pronierst und möchtest vorbeugen Ein Stabilschuh ist eine vertretbare Option – laut Malisoux-Studie mit messbarem Nutzen in genau dieser Gruppe.
Wiederkehrende Beschwerden an Schienbein, Knieinnenseite oder Achillessehne Ursache abklären lassen. Die Fußstellung ist dabei ein Faktor unter mehreren, nicht die Diagnose.
Deutliche Supination mit Außenkanten-Beschwerden Gut gedämpfter neutraler Schuh, da die Eigendämpfung des Fußes geringer ausfällt.
Du willst den Schuhtyp wechseln Schrittweise umstellen und die ersten Wochen den Umfang reduzieren.

Und der Punkt, der in Beratungsgesprächen praktisch nie fällt: Die weitaus stärkeren Einflussgrößen auf das Verletzungsrisiko sind wie schnell du deinen Umfang steigerst, wie gut deine Rumpf- und Hüftmuskulatur arbeitet und wie viel Erholung du einplanst. An diesen Stellschrauben lässt sich deutlich mehr bewegen als an der Fußstellung.

Was du unabhängig von deiner Fußstellung tun kannst

  • Umfang langsam steigern. Die mit Abstand häufigste Verletzungsursache im Freizeitlauf ist zu schnelles Mehr.
  • Fußmuskulatur kräftigen. Zehenspreizen, Zehenstand, kurze Einheiten barfuß auf Rasen – das Gewölbe wird aktiv gehalten, nicht passiv gestützt.
  • Hüfte und Rumpf stabilisieren. Eine einknickende Hüfte wirkt sich bis in den Fuß aus. Wer nur unten ansetzt, behandelt das falsche Ende.
  • Schuhe rotieren. Wer mehrere Paare abwechselnd nutzt, verteilt die Belastung auf leicht unterschiedliche Bewegungsmuster.
  • Auf Beschwerden reagieren, nicht auf Etiketten. Ein Schuh, in dem du beschwerdefrei läufst, ist der richtige – unabhängig davon, was auf dem Karton steht.

Einlagen: wann sie sinnvoll sind

Einlagen sind kein Ersatz für einen passenden Schuh und keine Standardlösung bei Pronation. Sinnvoll werden sie dann, wenn eine ärztlich oder podologisch festgestellte Fehlstellung mit konkreten Beschwerden zusammenfällt – und dann individuell angepasst, nicht von der Stange. Bei Supination gilt dasselbe: Der Ansatz ist Dämpfung und Beschwerdefreiheit, nicht das Korrigieren eines Etiketts.

Aus der Redaktion: Erwähnt, aber ohne Konsequenz – und das war richtig so

Bei meiner Laufanalyse im Fachgeschäft kam meine Fußstellung zur Sprache, hat die Schuhwahl am Ende aber nicht bestimmt. Damals hätte ich das fast als unvollständige Beratung empfunden – heute, nach dem Blick in die Studien, halte ich es für den vernünftigen Umgang damit.

Denn genau das ist die Botschaft dieses Artikels: Die Fußstellung ist eine Information, kein Befund. Wer beschwerdefrei läuft, muss nichts korrigieren. Und wer Beschwerden hat, sollte sie abklären lassen, statt sie über den Schuhkarton zu lösen.

Melanie Bojko, Chefredakteurin

„Ich sehe in der Praxis regelmäßig Läuferinnen und Läufer, die wegen einer attestierten Überpronation verunsichert sind, obwohl sie völlig beschwerdefrei laufen. Die Fußstellung allein ist keine Behandlungsindikation – sie wird erst relevant, wenn Beschwerden dazukommen, und auch dann ist sie ein Faktor unter mehreren. Wichtiger sind in aller Regel die Steigerung des Trainingsumfangs und die Stabilität von Hüfte und Rumpf. Wer mit einem Stützschuh gut zurechtkommt, soll ihn behalten – wer ohne beschwerdefrei läuft, braucht keinen.“ – Dr. Sonja Mühlberg, Sportmedizinerin

Häufige Fragen zur Pronation

Was ist Pronation beim Laufen?

Das leichte Einwärtsrollen des Fußes beim Abrollen. Es ist ein normaler und notwendiger Vorgang, der den Aufprall über Zeit und Fläche verteilt.

Ist Überpronation schlimm?

Für sich genommen nein. In einer Studie mit 927 Laufanfängern hatten Pronierer kein höheres, sondern ein etwas niedrigeres Verletzungsrisiko pro 1.000 Kilometer als Neutralfüßige. Relevant wird die Fußstellung erst, wenn Beschwerden dazukommen.

Was ist der Unterschied zwischen Supination und Unterpronation?

Nichts – es sind zwei Bezeichnungen für dasselbe. Der Fuß rollt weniger stark nach innen oder nach außen, die Belastung wandert auf die Außenkante.

Brauche ich einen Stabilschuh, wenn ich überproniere?

Nicht zwingend, aber es ist eine vertretbare Option. In einer randomisierten Studie mit 372 Läufern senkte ein Bewegungskontroll-Schuh das Verletzungsrisiko – allerdings ausschließlich in der Gruppe mit pronierenden Füßen. Wer beschwerdefrei in neutralen Schuhen läuft, hat keinen Anlass zum Wechsel.

Wie erkenne ich meine Fußstellung selbst?

Am besten am Sohlenabrieb deiner alten Laufschuhe: Abrieb betont innen deutet auf Pronation hin, betont außen auf Supination. Der nasse Fußabdruck zeigt dagegen nur die Gewölbehöhe im Stand – und die sagt laut den Militärstudien nichts über das Verletzungsrisiko.

Taugt der nasse Fußabdruck als Test?

Als Spielerei ja, als Entscheidungsgrundlage nein. Genau dieses Verfahren wurde in drei randomisierten Studien mit über 7.200 Rekruten geprüft: Die darauf gestützte Schuhzuweisung senkte die Verletzungsrate nicht.

Brauche ich Einlagen bei Überpronation?

Nur bei einer festgestellten Fehlstellung mit tatsächlichen Beschwerden, und dann individuell angepasst. Als Standardmaßnahme allein wegen des Etiketts „Überpronation“ sind Einlagen nicht begründbar.

Kann ich meine Pronation wegtrainieren?

Die Fußstellung selbst ist weitgehend anatomisch vorgegeben. Trainierbar ist die aktive Stabilisierung: Fußmuskulatur, Wade sowie Hüft- und Rumpfkraft. Das ist ohnehin sinnvoll – aber nicht, um eine Fußform zu ändern.

Welche Beschwerden werden mit Überpronation in Verbindung gebracht?

Genannt werden häufig Schienbeinkantenbeschwerden, Reizungen an der Knieinnenseite und Probleme an der Achillessehne. Ein ursächlicher Zusammenhang ist damit nicht bewiesen – bei anhaltenden Beschwerden gehört die Ursache ärztlich abgeklärt.

Pronation – unser Fazit

Pronation ist kein Defekt, sondern die Dämpfung deines Fußes. Die Studienlage entlastet: Wer proniert, verletzt sich nicht häufiger, und aus einem Fußabdruck lässt sich kein Schuh ableiten. Der nasse Fußabdruck als Beratungsgrundlage ist widerlegt.

Gleichzeitig ist die Gegenthese zu einfach. Für Läuferinnen und Läufer mit pronierendem Fuß war ein Stabilschuh in einer randomisierten Studie messbar von Vorteil. Die richtige Haltung liegt dazwischen: Deine Fußstellung ist eine Information, kein Befund. Entscheide nach Beschwerdefreiheit und Laufgefühl – und stecke die Energie lieber in eine behutsame Umfangssteigerung und in Hüft- und Rumpfkraft. Dort ist der Hebel größer.

Welcher Schuh dann konkret zu dir passt, klärt unser Laufschuh-Finder.

Fotos: Stefan Schurr, vonuk / stock.adobe.com

Quellen:
https://de.wikipedia.org/wiki/Pronation (abgerufen am 06.07.24)
What’s the Difference Between Supination and Pronation?. Marjorie Hecht. 2019. https://www.healthline.com/health/bone-health/whats-the-difference-between-supination-and-pronation (abgerufen am 06.07.24)
Nigg B, Baltich J, Hoerzer S, et al
Running shoes and running injuries: mythbusting and a proposal for two new paradigms: ‘preferred movement path’ and ‘comfort filter’
British Journal of Sports Medicine 2015;49:1290-1294.

Nielsen RO, Buist I, Parner ET, et al. Foot pronation is not associated with increased injury risk in novice runners wearing a neutral shoe: a 1-year prospective cohort study. British Journal of Sports Medicine. 2014;48(6):440–447. 927 Laufanfänger, 1.854 Füße, 326.803 km; kein signifikanter Risikounterschied nach Fußstellung, Pronierer mit signifikant niedrigerer Verletzungsrate pro 1.000 km. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/23766439/
Knapik JJ, Trone DW, Tchandja J, Jones BH. Injury-reduction effectiveness of prescribing running shoes on the basis of foot arch height: summary of military investigations. Journal of Orthopaedic and Sports Physical Therapy. 2014;44(10):805–812. Zusammenfassung von drei randomisierten Studien aus Army, Air Force und Marine Corps mit über 7.200 Rekruten; Ratenverhältnis 0,97 bei Männern und Frauen. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/25155917/
Malisoux L, Chambon N, Urhausen A, Theisen D. Influence of the heel-to-toe drop and motion control: Injury risk in runners using standard or motion control shoes: a randomised controlled trial with participant and assessor blinding. British Journal of Sports Medicine. 2016;50(8):481–487. 372 Freizeitläufer über sechs Monate; Verletzungsrisiko mit Bewegungskontroll-Schuh insgesamt HR 0,55, in der Gruppe mit pronierenden Füßen HR 0,34. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/26746907/

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